Forschen über Armut

Erste und zweite Sitzung

In der ersten Sitzung stelle ich mich und die Veranstaltungsplanung vor. Sie erfahren von mir, welche Standards gelten, wenn Sie sich für eine modulabschließende Prüfung bei mir entscheiden wollen. Und dann geht es gleich zur Sache. Das Konzept der Veranstaltung sieht ja vor, dass ich Ihnen am Beispiel Armut erkläre, wie man sich einen Überblick zu einer Fragestellung verschafft. Das macht es ziemlich sinnvoll, den Begriff Armut zu bestimmen und festzulegen welche Fragestellung in der exemplarischen Recherche im Verlauf des Semesters untersucht werden soll.

Zweiter Schwerpunkt sind mögliche Fragestellungen von Hausarbeiten.

Fragestellungen

Bitte beachten Sie, dass ich während der Blockwoche leider keine regelmäßigen Veranstaltungen anbieten kann. Ich unterrichte ganztägig in einem Blockseminar. Die Sitzung vom 23.4. entfällt deshalb.

Dritte Sitzung (Online-Sitzung 30.4.)

Inhaltlicher Schwerpunkt der dritten Sitzung sind Armutsbegriffe. Armut hat viel mit Geld zu tun. Allerdings greift die alleinige Betrachtung der ökonomischen Verhältnisse zu kurz. Die Veranstaltung hat sich zunächst mit dem Median-Einkommen befasst und festgestellt, dass viele Teilnehmer*innen des Seminars nach diesem Kriterium als arm einzustufen wären. Aussagekräftiger ist hier die Kapitalien-Theorie von Bourdieu. Denn hier zählt nicht allein das Geld, oder das, was man sich leistet. Sondern es ist auch wichtig, welche Bücher man liest und welche kulturellen Aktivitäten man unternimmt (kulturelles Kapital). Und es ist wichtig, auf welches Netzwerk man zurückgreifen kann (soziales Kapital).

Armutsbegriffe


Was ist Ihre Aufgabe für die erste Online-Sitzung? Das Seminar befasst sich ja exemplarisch mit der Frage, warum so viele Kinder aus Unterschichtsfamilien die Förderschule Lernen besuchen. Wenn diese Hypothese stimmt, müssten ja in Städten mit viel Armut viele Schüler in den Förderschulen Lernen sein. Das kann man online überprüfen. Bitte versuchen Sie für das Schuljahr 2021/22 für Ihren Wohnort herauszufinden

  1. Wie viele Schüler in der Stadt / im Landkreis besuchen eine Förderschule Lernen?
  2. Wie viele Schüler der Klasse 1-10 hat Ihre Stadt / Ihr Landkreis?
  3. Wie hoch ist die Arbeitslosenquote im Oktober 2021?

Bitte teilen Sie mir das Ergebnis Ihrer Recherche per E-Mail mit . Wenn Sie mir auch einen Nickname nennen, kann ich das Ihr Rechercheergebnis auch auf dieser Homepage hochladen. Stellen Sie fest, dass die Informationen für Ihren Wohnort bereits vorliegen, recherchieren Sie bitte für einen noch nicht bearbeiteten benachbarten Wohnort.

Tab 29: Bedeutung des gesellschaftstheoretischen Paradigmas
Phase 1: Rezeption des Modells in der deutschsprachigen Sonderpädagogik zunächst durch Begeman (1970)
Phase 2: Einbeziehung von Stigmatisierungs- & Etikettierungsansatz
Phase 3: Dominanz des sozialisations- bzw. interaktionstheoretischen Ansatzes
Phase 4: Bedeutungsverlust
Phase 5: Renaissance

Tab 30: Modell der schichtenspezifischen Sozialisation nach Geulen (1991)
Das Modell der schichtenspezifischen Sozialisation geht davon aus, dass „ aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen der Väter am Arbeitsplatz,die familiale Sozialisation in der sozialen Unterschicht in mehrfacher Hinsicht (…) anders verlaufe und zu anderen Ergebnissen führe als in der Mittelschicht,daß daher die Kinder aus der Unterschicht in dem durch Mittelschichtskultur dominierten Schul- und Bildungssystem auf größere Schwierigkeiten stoßen und stärker ausselegiert würden,daß sie später wieder nur in der Unterschicht zugänglichen Berufspositionen einrücken könnten .“

Tab 31: Lernbehinderung als soziokulturelle Benachteiligung (Begemann 1970)
zumindest partielle Gleichsetzung von Lernbehinderung und Schichtzugehörigkeit bei Begemann als These, daß Hilfsschüler bis auf eine Minderheit der armen, proletarischen, sozial rückständigen Unterschicht entstammen.
Schulversagen als Versagen an Mittelschichtsstandards: Hilfsschüler sind unterdurchschnittlich gemessen an den Normen der Mittelschicht. Sie sind soziokulturell benachteiligt.
Mittelschichtslastigkeit von IntelligenztestverfahrenResümee: Hilfsschulbedürftigkeit kann nicht mit psychologischen, soziologischen oder medizinischen Kategorien beschrieben werden, sondern nur als pädagogische Aufgabe.
Die Sozialisationsbedingungen von Hilfsschülern: Gefühle der Unterlegenheit, Ausgeliefertheit, Benachteiligung, geringe Bildungsmotivation, Unterschichtsmatriarchat, Familismus (Verkehrskreis beschränkt auf Verwandte und Nachbarn), niedriger Wohnkomfort in unzureichenden Wohnungen, viele Kinder, autoritärer Erziehungsstil, wenig Gelegenheiten zum produktiven Tun, Schülercliquen, die die Schichtgrenzen kaum überschreiten
Sprachliche Benachteiligung (in Anlehnung an Bernstein)

Tab 32: Theorie des sozialen und kulturellen Kapitals (Bourdieu 1979)
Klassen werden weder über ein Merkmal oder die Summe von Merkmalen definiert (Alter, Geschlecht, soziale Herkunft, Einkommen, Ausbildungsniveau) noch durch eine Kette von Merkmalen, die von einem Hauptmerkmal (z. B. von der Stellung im Produktionsprozess) abgeleitet sind. Definition sozialer Klassen als Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen, die jeder derselben … verleiht.

Klassenzugehörigkeit ist mit einem Bündel ungefähr gleich wahrscheinlicher ungefähr gleichwertiger Lebensläufe verbunden.

Wichtig sind: ökonomisches Kapital (neben Durchschnittseinkommen auch Konsum-Indices wie Auto und Bootsbesitz oder Urlaub im Hotel), kulturelles Kapital (mit Indikatoren wie: Häufigkeit der Lektüre nicht berufsbezogener Literatur, Häufigkeit von Theaterbesuch, Nicht-Besitz eines Fernsehers usw.) und soziales Kapital. Der Konsum vor allem solcher Güter, die ein der bürgerliche Lebensart konformes Verhalten symbolisieren lässt, garantiert ein soziales Kapital, ein Kapital an ´mondänen Beziehungen´, die bei Bedarf einen nützlichen Rückhalt bieten, ein Kapital an Ehrbarkeit und Ansehen verleihen.

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