Ich biete im Studiengang SIGB in diesem Semester zwei Lehrberanstaltungen an: die LV2 aus Modul 1 und LV1 aus Modul 2. Wenn man sich die Seminartitel genauer anschaut, dann werden Gemeinsamkeiten sichtbar. Es geht nämlich um Befunde aus der empirischen Forschung, und zwar zu den Schwerpunktthemen des Studiengangs.
Ich habe mich entschieden, die beiden Seminare als eine Einheit zu verstehen. Denn um Forschungsbefunde gleich welchen Inhalts zu verstehen, braucht es Vorkenntnisse. Man muss z. B. wissen, wie man sich einen Forschungsüberblick verschafft und wie eher nicht. Man muss entscheiden, welche Studien in die Forschungsübersicht kommen und welche nicht. Man muss einschätzen können, welche der ausgewählten Studien überzeugend sind und welche eher nicht. Es macht keinen Sinn, diese Vorkenntnisse zweimal in zwei Veranstaltungen zum Gegenstand zu machen. Also gibt es einen gemeinsamen Teil beider Veranstaltungen, der mit etwas Glück in den Wochen vor der Blockwoche abgeschlossen sein wird.
Na klar bringen die Teilnehmenden Vorkenntnisse mit. Aber ich möchte wirklich sicher sein, dass alle auf dem gleichen Stand sind. Und die Erfahrung lehrt: Ein ganz erheblicher Anteil der Studierenden braucht durchaus noch etwas Unterstützung in diesem Bereich, und das gilt insbesondere für die auf die quantitativen Studien bezogenen Anteile. Und die quantitative Forschung ist für den Stand der Forschung in Sachen SIGB von wesentlicher, vielleicht sogar entscheidender Bedeutung.
Wie der zweite Teil beider Veranstaltungen gestaltet wird, hängt ein wenig von den Entscheidungen des Seminars ab. Einige Studierenden überlegen vielleicht, eine der beiden modulabschließenden Prüfungen oder gar beide bei mir zu absolvieren. Ich begleite Sie gern, kein Problem. Zumindest wer sich für eine modulabschließende Prüfung entscheidet, kann etwas mehr Zeit und Energie für das Seminar aufwenden als sonst üblich. Und dies könnten wir unterschiedlich nutzen:
Wir könnten z. B. ein eigenes, kleines Forschungsprojekt angehen. Prüfungsleistungen sind Hausarbeit oder Referat (wenn gewünscht bei mir auch ein Podcast). Als Mitglied einer Arbeitsgruppe kann man seine Arbeitszeit also entweder in schriftlicher oder in mündlicher Form einbringen. Das reicht vermutlich für eine Pilotstudie oder sogar vielleicht sogar für mehr als eine Pilotstudie. Einzige Bedingung: das Forschungsprojekt sollte sich mit einer Fragestellung aus Armut, Gender, Ethnizität und Behinderung befassen. Ein solches Seminarkonzept hat einen wichtigen Vorteil. Denn ein Forschungsprojekt ist zwingender Bestandteil des zweiten Semesters. Und es deutet sich an, dass ich auch einer der Kolleg*innen sein werde, die die Forschungswerkstatt im Sommersemester 2027 betreuen.
Natürlich gibt es auch Alternativen zu einem solchen Vorgehen. Dies besprechen wir in der ersten Sitzung.
Zweite Sitzung: Falsch Recherchieren
In der zweiten Sitzung geht es darum, wie man nicht vorgehen sollte, wenn man sich einen Überblick über den Stand der Forschung verschaffen will. Und ohne die wesentlichen Lehrziele dieser Sitzung vorwegzunehmen, kann man sicher sagen:
(1) Man sollte auf keinen Fall die Hilfe von KI in Anspruch nehmen, um den Stand der Forschung zu ermitteln.
(2) Es ist nicht sinnvoll, sich die Studien zusammenzugoogeln.
(3) Und auch der Katalog welcher Bibliothek auch immer bietet keinen zuverlässigen und vollständigen Überblick über die Forschung.
Warum es problematisch ist, diese drei Fehler zu begehen, werden wir diskutieren und auch ausprobieren und zwar mit den Werkzeugen, die Sie bisher verwendet haben und auf den Endgeräten, die Sie bisher benutzt haben.
Dritte Sitzung: Fachdatenbanken
Um den Stand der Forschung zuverlässig zu ermitteln, ist ein nicht personalisierter, bibliotheks- und auch Verlagsübergreifendes Tool notwendig, das auf einem nachvollziehbarem Weg zu einer neutralen Auswahl empirischer Studien führt. Diesen Weg bieten Fachdatenbanken. Die funktionieren auf immer die gleiche Art und Weise. Sie haben ein Suchfeld oder besser noch eine Mehrfeldsuch-Option. Sie geben Suchbegriffe ein (Mehrere ausprobieren! Rechtschreibfehler oder ungünstige Suchbegriffe führen zu wenigen oder gar keinen Treffern). Sie erhalten Hinweise auf Studien („Treffer“). Und sie wählen nach allgemeinen Kriterien Studien aus. Gute Auswahlkriterien sind der Publikationszeitraum oder methodische Merkmale (z. B.: nur Studien, die mit Versuchs- und Kontrollgruppe arbeiten, mindestens zwei Erhebungszeitpunkte verwenden und einen Stichprobenumfang von mindestens … haben). Manchmal kann man auch Literaturgattungen ausschließen (z. B.: Keine Kongressbeiträge, manchmal sogar: Keine Buchpublikationen).
Inhaltliche Wünsche (nur Studien, die meine Meinung bestätigen) sind dagegen ganz klar nicht ok.
Sie haben normalerweise nicht das Problem, dass Sie zu wenige Studien finden. Sollte ein Gegenstand tatsächlich schlecht untersucht sein, verwendet man eine Art Schnellballsystem. Sie verwenden alle passenden Treffer und alle Hinweise auf Studien, die Sie in den Treffern finden.
Fachdatenbankrecherche
Es ist wichtig, jede Suche zu dokumentieren. Ein guter Weg sind Screenshots. Denn irgendwann verliert man den Überblick, wie man welche Studien gefunden hat. Und genau darüber müssen Sie aber präzise Angaben machen.
Treffer dokumentieren und auswählen
Vierte Sitzung: Exemplarische Studien zum Thema Armut und Soziale Ungleichheit
Am Anfang der vierten Sitzung steht zunächst noch ein kurzer Nachtrag aus dem Blockseminar. Ich fürchte, ich habe vergessen zu erklären, wie man Literatur findet, die nicht frei verfügbar ist. Denn ein Kauf bei Verlagen dürfte normalerweise nicht ganz in Ihrem Interesse liegen.
Literatur lokalisieren
Mit Beginn der vierten Sitzung befasst sich das Seminar mit exemplarischen Studien zum Thema Armut und soziale Ungleichheit. Dies können Studien aus den Projekten bzw. Podcasts der Teilnehmenden sein. Alternativ werden einschlägige Studien aus der wissenschaftlichen Diskussion zum Thema Armut zum Gegenstand der Veranstaltung gemacht. Neben den inhaltlichen Fragen gibt es natürlich auch einen didaktischen Hintergedanken: Wer sich mit Studien auseinandersetzt, übt auch die Bewertung von Studien.
Eine solche einschlägige Studie ist sicher die Wocken-Studie (Wocken, 2005). Kennen viele nicht, weil sie eher aus der Integrationspädagogik kommt. Aber für ein gutes Verständnis der schulischen Probleme von Kindern und Jugendlichen aus der sozialen Unterschicht, ist das eine wirklich bedeutsame Studie. Interessant wird sie vor allem dadurch, dass Haupt/Realschüler und Gymnasiasten mit Förderschülern verglichen werden.
Sie finden diese Studie, indem Sie mit einer Suchmaschine Ihrer Wahl den Titel der Studie „Andere Länder andere Schüler“ und „Wocken“ eingeben.
Die Wockenstudie hat (wie die meisten Studien in diesem Bereich auch) einige Schwächen. Ihre Aufgabe wird u.a. sein, die Schwächen aufzuspüren und in ihrer Bedeutung zu verstehen.
Die Wocken Studie
Fünfte Sitzung: Korrelative Zusammenhänge
Die fünfte Sitzung beschäftigt sich zunächst noch einmal mit der Wocken-Studie. Die Studie enthält beides: hoch interessante Zusammenhänge und gewagte Interpretationen.
Zweiter Schwerpunkt der fünften Sitzung sind korrelative Zusammenhänge und Kausalbeziehungen. Der Nachweis von Kausalbeziehungen ist eine ziemlich komplexe Aufgabe. Viele in Sachen empirischer Forschung nicht ganz sattelfeste Zeitgenossen*innen verwechseln z. B. korrelative Zusammenhänge mit kausalen Zusammenhängen. Dies ist ein ziemlich guter Anlass, sich mit unterschiedlichen Zusammenhangsmaßen zu befassen.
Korrelationskoeffizienten
Sechste Sitzung (online Sitzung vom 1.6.): Bourdieu und eine kleine Studie aus seinem Hauptwerk
Die sechste Sitzung befasst sich weiter mit wichtigen Studien zum Thema Soziale Ungleichheit und Armut. Wer diese Frage untersucht, kommt 2026 in Deutschland an Bourdieu kaum vorbei. Dass sein Hauptwerk Die feinen Unterschiede inzwischen fast 40 Jahre alt ist, ist dabei kaum ein Problem. Kann sein, dass dies damit zusammenhängt, dass es zunächst auf französisch erschienen ist und eine breite Rezeption in Deutschland erst mit PISA 2000 beginnt. Die Kapitalientheorie von Bourdieu vermittelt aber zunächst eine wichtige Einsicht. Soziale Ungleichheit hat keineswegs allein mit ökonomischen Faktoren zu tun, wie man in Deutschland lange Zeit vor allem in Folge der Befunde der schichtunspezifischen Sozialisationsforschung glaubte. Spätestens mit Ende der 1980iger Jahre endete die Begeisterung für neomarxistische Positionen. Der ökonomische Untergang der Sowjetunion und ihrer Vasallen hat hierzu sicher beigetragen. Das Thema Soziale Ungleichheit war vollkommen unmodern geworden – und dies obwohl sich an der Bedeutung ökonomischer Faktoren für die Erklärung von Reichtum und Armut wenig geändert hatte. Gesucht war ein theoretisches Modell, das den ökonomischen Variablen weniger Bedeutung zubilligte und vielleicht auch den Akteuren der Mittelschicht die angenehme Illusion schenken könnte, dass ihre Sitten und Gebräuche auch eine Art von Reichtum darstellen. Und für diese Aufgaben eignet sich eben Bourdieus Kapitalientheorie in besonderem Maße.
Theorien über Armut
Die Bourdieukritik hat verschiedene Schwerpunkte. Ein Argumentationsstrang befasst sich mit der empirischen Basis von Bourdieu. In der Sitzung vom 18.5. habe ich deshalb Unterlagen verteilt, die Informationen über eine der von Bourdieu durchgeführten Studien bereit stellt. Sollten Sie diese Unterlagen nicht erhalten haben, schreiben Sie mir bitte mit Ihrem EvH Account eine Mail.
Ihre Aufgaben:
- Bitte lesen Sie die Textauszüge
- Bitte versuchen Sie eine Bewertung der Stichprobe
- Bitte bewerten Sie den Fragebogen
- Bitte formulieren Sie Ihre Einschätzung zur Bedeutung der vorgestellten Studie. Eignet sich Ihrer Meinung nach der Aufbau der Studie als überzeugender Beleg für die Kapitalientheorie Bourdieus?
- Gibt es etwas, das Bourdieu damals hätte besser machen können?
Wenn Sie mögen, können Sie mir die Ergebnisse Ihrer Überlegungen per Mail zukommen lassen. Sie erhalten dann eine Antwort von mir – wenn dies am 1.6. zwischen 14.15 und 15.45 geschieht sogar umgehend. Ich könnte Ihre Antwort sogar hochladen, wenn Sie mir einen Nickname mitteilen.
Siebte Sitzung: Kausale Zusammenhänge
Der Nachweis kausaler Zusammenhänge ist aufwendig. Man braucht dazu keineswegs allein Hinweise auf signifikante Zusammenhänge. Sondern erforderlich sind Vorhersage (also der Beleg, dass die vermuteten Beziehungen zu einem besonderen Befund in der Zukunft führen) und Effekte (der Beleg, dass Veränderungen an einem als kausal vermuteten Faktor tatsächlich auch zu Veränderungen am späteren Resultat führen). Man benötigt also nicht eine Querschnittstudie, sondern viele Längsschnittstudien. Das können und manchmal auch wollen viele Forschende nicht leisten. Und so werden landauf landab munter lediglich korrelative Beziehungen zu kausalen Beziehungen erklärt – im schlimmsten Fall sogar zu monokausalen Beziehungen,
Der Nachweis von Kausalbeziehungen
Ein hübscher Nachweis für die Tücken der Kausalnachweise ist die Inklusionsdebatte. Empirisch wenig geübte Inklusionsfürworter*innen oder Förderschulbefürworter*innen vergleichen Förderschüler*innen und Inklusionsschüler*innen in Querschnittstudien. Unterschiede in der einen oder in der anderen Richtung werden zu Belegen für die Überlegenheit des jeweils bevorzugten Schultyps. Das Problem: Es ist keineswegs gesagt, dass sich die jeweiligen Schüler*innen allein in der Frage unterscheiden, dass die einen in der Förderschule sind und die anderen in der Regelschule. Man muss also zunächst sicherstellen, dass z. B. nicht bestens geförderte Mittelschichtskinder mit dem Label „Lernbehinderung“ in der Inklusion mit kaum geförderten bilingualen Unterschichtskinder in den Förderschulen verglichen werden. Man sollte zudem nicht Leistungsunterschiede zu irgendeinem Zeitpunkt untersuchen, sondern Lernzuwächse, die über einen längeren Zeitraum erzielt werden.
Die Ginnoldstudie