Diagnostische Arbeit für die Elementarpädagogik

Präsenzlehrveranstaltung mit bis zu 25% E-Learning-Anteil

Wer mit Kindern arbeitet, sollte sich (auch) mit diagnostischen Methoden auskennen. Viele Kompetenzen, die in der Schule im Mittelpunkt stehen, entwickeln sich schon Jahre vor der Einschulung. Und inzwischen sind in Kindertagesstätten so viele Problemkinder, dass man auch die einschlägigen Konzepte und Verfahren kennen und bewerten können sollte, die in der diagnostischen Arbeit mit dieser Klientel eingesetzt werden. Diese Veranstaltung versucht deshalb eine kurze, auf den Elementarbereich bezogene Einführung in diagnostische MethodenIn dieser Veranstaltung spielt meine Homepage eine wichtige Rolle (johannes-mand.de). Hier finden Sie im Verlauf des Semesters alle Unterlagen und viele weitere Informationen.

Rhythmus: BA EP 12 LV 1 wird gemeinsam von Prof. Dr. Franke-Meyer und Prof. Dr. Johannes Mand angeboten. Die erste Sitzung erfolgt gemeinsam. Dann startet Frau Franke-Meyer mit dem ersten Teil der LV. Die Auseinandersetzung mit der diagnostischen Arbeit beginnt in der 2. Hälfte des Wintersemesters.

Erste Sitzung

In der ersten Sitzung des Seminars vertrete ich Frau Franke-Meyer. Nach einer kurzen Vorstellung spielen wir ein kleines Planspiel: Sie stellen sich vor, dass die Bundesfamilienministerin Lisa Paus die EvH gebeten hat, ein Konzept für das weltallerbeste Familienzentrum zu entwickeln. Das Besondere an diesem Planspiel: Weil die Kohle raus muss und eh schon alles egal ist, spielt Geld überhaupt keine Rolle.

Zweite Sitzung

Die zweite Sitzung des Seminars beginnt am 30.11.

Um Verfahren der Sprachstandsdiagnostik besser verstehen zu können, ist es zunächst hilfreich, sich mit der Frage zu befassen, wie Kinder lesen und schreiben lernen. Wer sich die wissenschaftlichen Publikationen zu diesem Thema anschaut, kann zunächst feststellen, dass der Begriff Reading-Literacy vergleichsweise häufig verwendet wird. Es handelt sich hierbei keineswegs um einen vermeidbaren Anglizismus. Sondern – anders als die eigentliche Wortbedeutung nahe legen mag (Lesekompetenz), umfasst der Begriff Reading Literacy einen weiteren Bereich. Wer von Reading Literacy redet, spricht von der Fähigkeit, sich in der Welt der Schriftsprache zu bewegen. Und das umfasst eindeutig mehr Kompetenzen, als die Fähigkeit, Laute Buchstaben zuzuordnen, die Fähigkeit die Laute zusammenzuschließen (synthetisierendes Lesen) und hieraus Vermutungen über die zu erlesenden Wörter abzuleiten.

Zweitens – und dies macht die Angelegenheit für ein Studium der Elementarpädagogik sehr relevant – ist sich die wissenschaftliche Diskussion weitgehend darin einig, dass die Leseentwicklung keineswegs erst in der Schule beginnt. Wichtig ist z. B. die Wortschatzentwicklung, und damit sind wir ganz klar in den ersten Lebensmonaten, und damit im U3-Bereich. Wichtig ist auch die phonologische Bewusstheit, also die Fähigkeit aus gesprochener Sprache Laute isoliert wahrzunehmen und mit diesen Lauten auch arbeiten zu können. Kinder entwickeln die phonologische Bewusstheit normalerweise im Alter von 4-5 Jahren. Man könnte in Anlehnung an Maria Montessori sogar formulieren, dass Kinder in diesem Alter in einer sensiblen Periode für Laute stehen. Alles, was mit Lauten zu tun hat, betrachten sie mit besonderer Aufmerksamkeit. Wer altersangemessene Angebote machen möchte, kommt also überhaupt nicht um die Aufgabe herum, sich um die Entwicklung und Förderung der phonologischen Bewusstheit zu bemühen.

Wie Kinder lesen und schreiben lernen

Bitte beachten Sie: Die im Podcast angesprochenen Tabellen und Abbildungen finden Sie in der Diagnostik-Materialsammlung dieser Homepage (Materialien für die Lehre).

Dritte Sitzung

In der dritten Sitzung stehen die Auswirkungen von Bilingualität im Mittelpunkt der Arbeit. Bilinguale Kinder haben ziemlich häufig Probleme im Lesen und Schreiben. Und es gibt auch einige Studien, die statistisch nicht sehr informierte Zeitgenossen*innen glauben lassen, dass Bilingualität negative Auswirkungen auf die Lese-/Schreibentwicklung hat. Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn die Abiturwahrscheinlichkeit und auch die Förderschulwahrscheinlichkeit von bilingualen Schüler*innen unterscheidet sich ganz beträchtlich je nach Nationalität. Und es sind nicht sprachliche Variablen, also sagen wir Ähnlichkeiten zwischen der ersten Sprache (L1) und der zweiten Sprache (L2), sondern es sind klar soziale Variablen, die diese Unterschiede erklären.

Welchen Einfluss Bilingualiät auf die Literacyentwicklung nehmen kann

Vierte Sitzung

Mit der vierten Sitzung wird der zweite Teil des Seminars erreicht. Denn nun geht es vor allem darum, wie man herausfindet, ob man es mit guten oder eher schlechten diagnostischen Instrumenten zu tun hat. Wir beschäftigen uns also mit Gütekriterien, so lautet der Fachbegriff. Hierzu ist es erforderlich, dass Sie zumindest das Handbuch von Testverfahren vorliegen haben. Wenn Sie sich auf der entsprechenden Liste eingetragen haben, können Sie den BASIK in der EvH Bibliothek ausleihen.

Inhaltlich geht es zunächst um einen sehr einfaches, leicht nachvollziehbares Merkmal von Testverfahren. Testverfahren werden nämlich normalerweise an vielen Hundert Kindern, Jugendlichen oder Erwchsenen ausprobiert. Dies nennt man Normierung oder Eichung von Testverfahren. Je nachdem, wie lange die Normierung zurückliegt, wie viele Probanden ausgewählt wurden und wie die Auswahl erfolgte, kann man unterschiedliche Aussagen über Testverfahren machen. Liegt die Normierung bereits einige Jahrzehnte zurück, dann kann es z. B. sein, dass der Test allein deshalb zu eher schlechten Ergebnissen führt, weil das untersuchte Merkmal heute schlechter ausgeprägt ist als – sagen wir – vor 20 oder 30 Jahren. Ein Beispiel hierfür ist die Rechtschreibung. Die Rechtschreibleistungen von Schulkindern nehmen in Deutschland seit Jahren kontinuierlich ab. Verwendet man einen alten Test, so werden die Kinder von heute an den Leistungen von damals bewertet. Sie erzielen deshalb i. d. R. schlechtere Ergebnisse als bei der Testung mit einem neuen Testverfahren zu erwarten wären. Pikant wird dieser Effekt deshalb, weil manchmal schlechte Rechtschreibleistungen erwünscht sind – z. B. wenn Förderschullehrer*innen auf der Suche nach Förderschulen sind.

Die Bedeutung der Normierung von Testverfahren

Auch andere Merkmale können zu einem Problem werden. Es empfiehlt sich z. B. ziemlich genau darauf zu schauen, wie viele bilinguale Kinder in der Normierungsstichprobe vertreten sind, oder besser noch: welche ersten Sprachen wie häufig vertreten sind. Denn sonst wird die Leistung von bilingualen Kindern aus von Armut betroffenen Regionen der Welt an der Entwicklung möglicherweise bestens geförderter monilingual-deutschsprachiger Kinder gemessen. Und das ist nicht besonders fair.

Fünfte Sitzung (21.12.)

Die fünfte und sechste Sitzung dieses Seminars finden – wie vielfach angekündigt – ausschließlich als Online-Sitzung statt.

Schwerpunkt der fünften Sitzung ist die Reliabilität. Prägnant zusammengefasst geht es also z. B. darum, ob das gleiche herauskommt, wenn man Kinder zu Weihnachten und zu Ostern einem Test unterzieht. Das wäre wirklich ziemlich hilfreich. Ist aber keineswegs sicher, dass die Test-Autor*innen derlei sicherstellen. Ein Weg, die Reliabilität zu ermitteln, besteht darin Kinder zweimal zu testen und dann zu untersuchen, wie sehr sich die Ergebnisse gleichen.

Reliabilitaet von Testverfahren im Bereich Sprachstandsdiagnostik

Sechste Sitzung (4.1.)

Nun fehlt noch ein Hauptgütekriterium: Die Validität. Hier geht es um die Frage, ob ein Test auch tatsächlich das misst, was er zu messen vorgibt. Ein besonders interessanter Aspekt der Validität nennt sich prognostische Validität. Denn vielfach ist es so, dass Tests eben deshalb durchgeführt werden, weil man sich eine Prognose verspricht. Und dies gilt auch für den Bereich Sprachstandsdiagnostik.

Validitaet in der Sprachstandsdiagnostik

Siebte Sitzung

Die siebte Sitzung befasst sich mit einem wichtigen Nebengütekriterium: der Fairness. Viele Testverfahren sind nämlich so konstruiert, dass Kinder aus von Armut und/oder Migrationsgeschichte betroffene Familien schlechter abschneiden als nötig. Manchmal sind diese Personengruppen nicht angemessen in der Normierungsstichprobe vertreten. Die Folge: Kinder aus diesen Verhältnissen werden an bestens geförderten Mittelschichtskindern gemessen. Und manchmal transportieren die Fragen der Tests auch kulturelle Standards der westlichen Welt. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn die Probanden aus nicht-westlichen Kulturkreisen kommen.

Faire und unfaire Testverfahren

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