Forschen über Armut

Diese Veranstaltung richtet sich an Studierende des Studiengangs BA Soziale Arbeit (Modul 1.1).

Sozialarbeiter*innen haben häufig mit Menschen zu tun, die von Armut betroffen sind. Entsprechend ist es nicht verkehrt, sich einen Überblick über die Forschung zu diesem Thema zu verschaffen. Kenntnisse über Forschungsmethoden werden in exemplarischer Auseinandersetzung mit Studien zu diesem Thema erworben. Für den Fall, dass Sie eine modulabschließende Prüfung planen, sollten Sie wissen, dass der inhaltliche Schwerpunkt dieses Seminars keineswegs die Inhalte Ihrer Hausarbeiten festlegt. Hausarbeiten können sich grundsätzlich auf alle Inhalte beziehen, die an der EvH RWL gelehrt werden. 

Derzeit sieht es danach aus, dass das Seminar als Präsenzveranstaltung stattfindet.

Hausarbeiten

Hausarbeiten müssen spätestens am 1.8.2022, 23.59 Uhr bei mir eingegangen sein. Bitte lassen Sie mir Ihre Hausarbeit als E-Mail-Anhang zukommen (als pdf). Ich drucke die dann aus (4 Seiten auf eine A4 Seite) und sende sie per Post an das Prüfungsamt. Wenn Sie im 3. Versuch eine Arbeit anmelden, gelten besondere Bedingungen. Sie werden dann vom Prüfungsamt über die Abläufe informiert.

Sie können eine/n Ihrer Adressat*innen zum Gegenstand Ihrer Hausarbeit machen, und in Auseinandersetzung mit Fachdatenbanken versuchen herauszufinden, was Ihr/e Adressat*in braucht, um den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu tun oder ein Problem anzugehen (das nenne ich: diagnostische Hausarbeiten). Sie können aber auch eine klassische Hausarbeit schreiben, also eine Fragestellung in Auseinandersetzung mit über in Fachdatenbanken ermittelte Literatur beantworten. Wie das geht, erfahren Sie in diesem Seminar.

Erste Sitzung

In der ersten Sitzung stelle ich mich und die Veranstaltungsplanung vor. Sie erfahren von mir, welche Standards gelten, wenn Sie sich für eine modulabschließende Prüfung bei mir entscheiden wollen. Und dann geht es gleich zur Sache. Das Konzept der Veranstaltung sieht ja vor, dass ich Ihnen am Beispiel Armut erkläre, wie man sich einen Überblick zu einer Fragestellung verschafft. Das macht es ziemlich sinnvoll, den Begriff Armut zu bestimmen und festzulegen welche Fragestellung in der exemplarischen Recherche im Verlauf des Semesters untersucht werden soll.

Zweiter Schwerpunkt waren mögliche Fragestellungen von Hausarbeiten. Sie können Hausarbeiten auf mindestens zwei Arten schreiben. Sie können darüber nachdenken, welche Angebote einer Ihrer Adressat*innen benötigt, um ein Problem anzugehen oder den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu tun (diagnostische Hausarbeit). Sie schauen hier in die Fachdatenbanken, um Beiträge über das Problem oder die Entwicklungsherausforderung zu finden. Sie suchen nach Methoden, die hilfreich sein könnten. Und Sie machen Vorschläge, welche Methoden zum Einsatz kommen sollten. Alternativ könnten Sie auch eine klassische Hausarbeit schreiben. Diese kann sich auf alle Themen beziehen, die an der EvH gelehrt werden. Sie benötigen dann eine Fragestellung, gehen in die Fachdatenbanken und versuchen auf dieser Basis eine Antwort zu finden. Die Entwicklung einer Fragestellung ist keineswegs einfach. Wichtig ist aber, dass Sie nicht allein zusammenfassen, was andere geschrieben haben. Sondern Sie sollen in Ihrer Hausarbeit ins Interpretieren und Analysieren kommen. Ein guter Weg sind normalerweise Vergleiche (z. B. Methoden, Regionen, Epochen vergleichen). Sie können auch versuchen, Kontroversen zu finden und hier eine begründete Entscheidung zu treffen. Wie Sie hierbei vorgehen, wird ausführlich Gegenstand dieses Seminars sein.

Fragestellungen

Inhaltlicher Schwerpunkt der ersten Sitzung waren Armutsbegriffe. Armut hat viel mit Geld zu tun. Allerdings greift die alleinige Betrachtung der ökonomischen Verhältnisse zu kurz. Die Veranstaltung hat sich zunächst mit dem Median-Einkommen befasst und festgestellt, dass viele Teilnehmer*innen des Seminars nach diesem Kriterium als arm einzustufen wären. Aussagekräftiger ist hier die Kapitalien-Theorie von Bourdieu. Denn hier zählt nicht allein das Geld, oder das, was man sich leistet. Sondern es ist auch wichtig, welche Bücher man liest und welche kulturellen Aktivitäten man unternimmt (kulturelles Kapital). Und es ist wichtig, auf welches Netzwerk man zurückgreifen kann (soziales Kapital).

Tab 30: Modell der schichtenspezifischen Sozialisation nach Geulen (1991)
Das Modell der schichtenspezifischen Sozialisation geht davon aus, dass „ aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen der Väter am Arbeitsplatz, die familiale Sozialisation in der sozialen Unterschicht in mehrfacher Hinsicht (…) anders verlaufe und zu anderen Ergebnissen führe als in der Mittelschicht, daß daher die Kinder aus der Unterschicht in dem durch Mittelschichtskultur dominierten Schul- und Bildungssystem auf größere Schwierigkeiten stoßen und stärker ausselegiert würden, daß sie später wieder nur in der Unterschicht zugänglichen Berufspositionen einrücken könnten .“ 

Tab 31: Lernbehinderung als soziokulturelle Benachteiligung (Begemann 1970)
zumindest partielle Gleichsetzung von Lernbehinderung und Schichtzugehörigkeit bei Begemann als These, daß Hilfsschüler bis auf eine Minderheit der armen, proletarischen, sozial rückständigen Unterschicht entstammen.
Schulversagen als Versagen an Mittelschichtsstandards: Hilfsschüler sind unterdurchschnittlich gemessen an den Normen der Mittelschicht. Sie sind soziokulturell benachteiligt.
Mittelschichtslastigkeit von Intelligenztestverfahren
Resümee: Hilfsschulbedürftigkeit kann nicht mit psychologischen, soziologischen oder medizinischen Kategorien beschrieben werden, sondern nur als pädagogische Aufgabe Die Sozialisationsbedingungen von Hilfsschülern: Gefühle der Unterlegenheit, Ausgeliefertheit, Benachteiligung, geringe Bildungsmotivation, Unterschichtsmatriarchat, Familismus (Verkehrskreis beschränkt auf Verwandte und Nachbarn), niedriger Wohnkomfort in unzureichenden Wohnungen, viele Kinder, autoritärer Erziehungsstil, wenig Gelegenheiten zum produktiven Tun, Schülercliquen, die die Schichtgrenzen kaum überschreiten.
Sprachliche Benachteiligung (in Anlehnung an Bernstein) 
Tab 32: Theorie des sozialen und kulturellen Kapitals (Bourdieu 1979)
Klassen werden weder über ein Merkmal oder die Summe von Merkmalen definiert (Alter, Geschlecht, soziale Herkunft, Einkommen, Ausbildungsniveau) noch durch eine Kette von Merkmalen, die von einem Hauptmerkmal (z. B. von der Stellung im Produktionsprozess) abgeleitet sind.
Definition sozialer Klassen als Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen, die jeder derselben … verleiht Klassenzugehörigkeit ist mit einem Bündel ungefähr gleich wahrscheinlicher ungefähr gleichwertiger Lebensläufe verbunden.
Wichtig sind: ökonomisches Kapital (neben Durchschnittseinkommen auch Konsum-Indices wie Auto und Bootsbesitz oder Urlaub im Hotel), kulturelles Kapital (mit Indikatoren wie: Häufigkeit der Lektüre nicht berufsbezogener Literatur, Häufigkeit von Theaterbesuch, Nicht-Besitz eines Fernsehers usw.) und soziales Kapital.
Der Konsum vor allem solcher Güter, die ein der bürgerliche Lebensart konformes Verhalten symbolisieren lässt, garantiert ein soziales Kapital, ein Kapital an ´mondänen Beziehungen´, die bei Bedarf einen nützlichen Rückhalt bieten, ein Kapital an Ehrbarkeit und Ansehen verleihen 

Armutsbegriffe

Dritte Sitzung

Die dritte Sitzung befasst sich mit der Frage, wie man nicht recherchieren soll: Man sollte sich z. B. auf keinen Fall mit einer Katalogrecherche einen Überblick zum Stand der Theoriediskussion und Forschung verschaffen. Denn Bibliotheken sind – mit Ausnahme der Deutschen Bibliothek in Frankfurt oder Leipzig niemals vollständig. Und manche Bibliotheken haben einseitige Sammlungen und manchmal sogar ungeeignete oder unseriöse Bücher. Es ist auch falsch, sich auf das Verlagsprogramm ausgewählter Fachverlage zu verlassen (z. B.: Content Select). Denn auch Verlage informieren nur selten vollständig. Es ist auch nicht immer sinnvoll, sich auf Empfehlungen von Lehrenden oder vielleicht auch Bekannten zu verlassen. Denn es gibt Menschen, die Positionen vertreten, die klar eine Minderheitenmeinung sind. Und es gibt auch Zeitgenossen*innen, die nicht über alle Themen ausreichend informiert sind. Das Problem: Manche dieser Zeitgenossen*innen wissen nicht, dass ihr Wissen veraltet, einseitig oder vielleicht unseriös ist. Manche trauen sich nicht zu sagen: Zu diesem Thema fehlt mir der Überblick. Und einige möchten Sie vielleicht auch nicht informieren, sondern eher agitieren und zu gläubigen Jünger*innen möglicherweise abseitiger Positionen machen.

Die dritte Sitzung recherchiert zum Thema Autismustherapie. Dabei spielt u.a. eine Übersichtsarbeit von Interessenvertreter*innen von Autismusambulanzen eine wichtige Rolle. Diese Übersichtsarbeit zum Thema Effektivität von Autismustherapie ist leider Grob fehlerhaft. Ausgewählt wurden nur einige wenige Studien eines großen Forschungsfelds. Recherchestrategie und Auswahlkritierien werden nicht mitgeteilt. Auf Basis dieses willkürlichen und winzigen Ausschnitts der Forschung zum Thema Autismustherapie werden Behauptungen formuliert, die über die Autismusforschung sehr einseitig informieren. Die Autor*innen behaupten z. B. es gebe nur wenig Forschung zum Thema Effektivität von Autismustherapie. Deshalb sei eine Ausrichtung an Evidenz nicht sinnvoll. Und sie kritisieren insbesondere die Verhaltenstherapie bei Autismus – dies ohne mitzuteilen, dass es sich hier um die wichtigste Methode in der Autismustherapie handelt und dass die Belege der Wirksamkeit umfangreicher sind als für jede andere Therapiemethode. Offenbar ist es vielen Autismusambulanzen nicht wichtig, nachweislich wirksame Methoden in ihrer Arbeit einzusetzen. Und sie wollen insbesondere nicht verhaltenstherapeutisch arbeiten.

Warum zeigt Google ausgerechnet diese Studie mehrfach Seminarteilnehmer*innen an? Offenbar identifiziert Google Seminarteilnehmer*innen als mögliche und vielleicht zukünftige Mitarbeiter*innen. Und es ist sogar möglich, dass Google davon ausgeht, dass Studierende der Sozialen Arbeit, vielleicht sogar Studierende der EvH eher andere Therapieverfahren schätzen (z. B. aus dem systemischen Ansatz). Das Ergebnis der personalisierten Recherche ist also: Sie werden falsch informiert. Sie könnten zum falschen Schluss kommen, es gebe kaum Forschung über die Wirksamkeit von Autismustherapie. Und Sie könnten Vorbehalte gegen verhaltenstherapeutische Methoden in der Autismustherapie entwickeln, obwohl diese Methoden am besten untersucht sind, obwohl überzeugendere Wirksamkeitsnachweise vorliegen als zu irgend einer anderen Therapiemethode und obwohl es sich um die Methode der Wahl in Psychotherapie und Psychiatrie handelt. Personalisierung in der Recherche führt also zu einseitiger und falscher Information.

Hier kommt nun ein passender podcast eines anderen Propädeutikseminars aus dem vergangenen Semester.

Falsch Recherchieren

Dritte Sitzung

Die dritte Sitzung erklärt, wie man Fachdatenbanken nutzt, um sich einen Überblick über Theoriepublikationen und Forschung zu verschaffen.

Die Teilnehmer*innen der dritten Sitzung des Seminars haben sich nach einer Einführung zunächst mit der Recherche zu den jeweiligen Fragestellungen ihrer Projekte befasst. Exemplarisch habe ich im Zuge der Beschäftigung mit pubmed auf den Forschungsstand in Sachen Effektivität von Therapiemethoden bei Autismus verwiesen. Eine Datenbankrecherche in FIS-Bildung (Suchbegriffe: Inklusion und Lernbe*) führt u.a. zur Studie von Goldan & Kemper.

Hier kommt nun ein Podcast zum Thema Datenbanken aus einer anderen Veranstaltung des vergangenen Semesters.

Datenbankrecherche

Vierte Sitzung

Die vierte Sitzung befasst sich ein erstes Mal damit, wie man die in einer Datenbankrecherche ermittelten Dokumente bewertet. Einiges kann man schon sehen, bevor man sich die Beiträge beschafft. Das Abstract zeigt normalerweise, welches Genre vorliegt. Es verrät wichtige Kenndaten empirischer Studien. Und man kann auch prüfen, ob die Zeitschrift oder der Verlag, in dem der Beitrag erschienen ist, seriös ist. Verlage und Zeitschriften, die gegen Geld alles drucken, gibt es nämlich haufenweise. Und wer nicht veröffentlicht wird, kann mit Leichtigkeit einen eigenen Verlag gründen, eine Homepage zusammenbasteln und den eigenen Kram, vielleicht später auch den unlesbaren Unfug von Freund*innen publizieren.

Hier ein passender Podcast aus dem letzten Semester:

Wie man Beiträge aus der Trefferliste auswählt

Fünfte Sitzung

Nachdem eine Liste der Bücher und Zeitschriftenbeiträge erstellt ist, die Basis für die Hausarbeit sein soll, geht es um das Beschaffen der Literatur. Am wenigsten Mühe bereitet die frei verfügbare Online-Literatur. Drauf klicken und der Download startet. Für alles andere braucht man Bibliotheken. Die fünfte Sitzung erklärt deshalb, wie man herausfindet, wo in der Region die gesuchten Texte ausgeliehen bzw. kopiert werden können.

Bücher und Zeitschriftenbeiträge lokalisieren

Sechste Sitzung

In der sechsten Sitzung geht es noch einmal um die Quellenbewertung. Einige Dinge kann man anhand des Abstracts entscheiden (Genre, Publikationsjahr, Verlag). Einige Dinge erfordern aber, dass man das Buch oder die Zeitschrift wirklich vorliegen hat. Dies soll in den sechsten Sitzung geschehen – und zwar anhand von Aufsätzen oder Buchbeiträgen, die Sie für Ihre Hausarbeit verwenden wollen. Es ist deshalb sinnvoll, dass Sie einen nach Möglichkeit frei verfügbaren Aufsatz aus ihrer Trefferliste mitnehmen. In einem zweiten Teil der Sitzung erkläre ich, wie man empirische Untersuchungen bewertet. Thematischer Schwerpunkt ist dabei zunächst die Bewertung von Stichproben.

Stichproben bewerten

Siebte Sitzung

Die siebte Sitzung setzt sich noch einmal mit Fragen der Interpretation von Studien auseinander. Schwerpunkte sind hier Kreuztabellen und das Konzept der Irrtumswahrscheinlichkeit

Übergänge in die Berufsausbildung nach Sonderschule & Integration. Kreuztabelle rekonstruiert nach den Befunden von Ginnold (2009, 9)
IntegrationSonderschule
Berufsausbildung direkt nach Schule46 % (?)11%
keine Berufsausbildung direkt nach Schule54 % (?)91 %
N = 96
Irrtumswahrscheinlichkeit< 5 %

Die Ginnold-Studie

Achte Sitzung

Die achte Sitzung greift zunächst eine Bitte einer Studierenden auf, auch einmal gelungene Studien kennenzulernen. Thematisch passt hier eine Publikation aus der IQB-Studie (Kocaj et al). Die machen sicher nicht alles richtig. Aber es handelt sich sicher um eine der besten Studien der Inklusionsbefürworter*innen. Allerdings gibt es auch gelungene Studien der Inklusionsskeptiker*innen (z. B. die Bella-Studie). Eine gute Studie entscheidet also nicht zwingend über den Stand der Forschung.

Dabei sollten Sie weiter wissen: Sich einen Überblick über den Stand der Forschung zu verschaffen, bedeutet fast immer, sich ein Bild aus Studien zu machen, die in vielerlei Hinsicht fehlerhaft sind. Sehr häufig werden zu kleine Stichproben erhoben. Dass Studien repräsentativ sind, ist eher selten. Wenn überhaupt mit Versuchs- und Kontrollgruppe gearbeitet wird, verzichten viele Kolleg*innen darauf, wichtige Variablen zu kontrollieren. Es überwiegen zudem Querschnittstudien. Und alle diese Probleme findet man auch in der Inklusionsforschung.

In einem zweiten Teil des Seminars geht es um Korrelationskoeffizienten.

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