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 LRS Foerderung fuer Migrantenkinder

Was sind die wichtigsten Einsichten in Sachen Entwicklungsmodelle?

Man kann wohl sagen, dass die wichtigste Einsicht den Zusammenhang zwischen erster und zweiter Sprache betrifft. 

Es ist zwar naheliegend und auch plausibel anzunehmen, dass die Kenntnisse in der ersten Sprache einen wichtigen Einfluss auf die zweite Sprache haben (Interdependenzhypothese / Schwellenhypothese; vgl. Cummins 1979). Und es lassen sich auch Studien finden, die signifikante Zusammenhänge ermitteln. 
Aber diese Befunde lassen sich auch mit  indirekten Zusammenhängen erklären (Z. B.: Familiäre Verhältnisse, die in der ersten Sprache für gute Ergebnisse sorgen, bewirken auch in der zweiten Sprache Lernerfolge). Auch sprachübergreifenden Kompetenzen können die gefundenen Zusammenhänge erklären (Etwa so: Wenn Kinder in der ersten und zweiten Sprache gute Ergebnisse in Sachen phonologischer Bewusstheit erzielen, dann kann dies auch auf
sprachübergreifende Fertigkeiten im Umgang mit Lauten zurückgehen). 

Zudem zeigt sich in den einschlägigen Studien: Der Einfluss der ersten Sprache schwindet, sobald man die soziale Herkunft der Schüler/innen kontrolliert (also auf statistischem Wege neutralisiert). 

Dies gilt z. B. für die im Rahmen dieses Buches vorgestellte Förderschulstudie. Normalerweise ist das so: Kinder unterschiedlicher Sprachen schneiden normalerweise sehr unterschiedlich in Leistungstests ab. Es gibt also erfolgreiche Migrantengruppen und weniger erfolgreiche Migrantengruppen - fast in jeder Studie. Man kann sogar Ranglisten erstellen, also besonders erfolgreiche Nationalitäten (z. B. Kinder aus Asien) und wenig erfolgreiche Nationalitäten unterscheiden (Kinder aus Serbien, Kinder aus Italien). 

Die Förderschulstudie nutzt nun eine Besonderheit von Förderschulen aus. Denn Familien deren Kinder in die Förderschule Lernen überwiesen werden, stammen fast ausschließlich aus der sozialen Unterschicht. Dies zeigen zumindest (fast) alle einschlägigen Studien der letzten Jahre. Wenn also gilt, dass nicht so sehr sprachliche, sondern vielmehr soziale Variablen wirksam werden, muss dies Auswirkungen auch auf die Lese/Rechtschreibkompetenzen von Förderschülern haben.  Tatsächlich zeigt die Förderschulstudie genau dieses Bild. Während  in anderen Schultypen eine Vielzahl von Unterschieden zwischen einzelnen Sprachen bzw. Sprachgruppen nachgewiesen werden können, zeigen sich in der Förderschulstudie keine signifikanten Unterschiede zwischen einzelnen Sprachgruppen, und dies obwohl Stichprobenumfang und Stichprobengewinnung derlei Befunde eigentlich erwarten lassen.

Weil sich derlei Befunde auch in anderen Studien zeigen, weil der in den einschlägigen Studien nachgewiesene Einfluss der ersten Sprache immer nur überschaubare Werte erreicht, weil die bisher nachgewiesenen Effekte bilingualer Förderung viel zu schwach ausfallen, kann man schließen:

Nicht so sehr die Bilingualität ist entscheidend für den Verlauf der Lese-/Rechtschreibentwicklung von Migrantenkindern. Sondern der entscheidende Einfluss geht von sozialen Variablen aus. 

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