Dortmunder Wortschatzstudie – Kurzbeschreibung

Bochum, www.johannes-mand.de/Wortschatz.html

Stand 9.2.2019

Methode

Die Dortmunder Wortschatzstudie untersucht die Lese-/Schreibentwicklung von bilingualen Kindern, die in ihrer zweiten Sprache (L2), also in deutscher Sprache lesen und schreiben lernen. Sie ist eine Längsschnittstudie. D.h.: Die untersuchten Kinder werden dreimal untersucht: in der Kita, Mitte der ersten Klasse und gegen Ende der zweiten Klasse.

In der Dortmunder Wortschatzstudie werden vier Erhebungsinstrumente verwendet. In der Kita sind dies ein Wortschatztest und ein Erzieherinnenfragebogen. Der Wortschatztest (Aktiver Wortschatztest für Kinder/AWST-R) kommt in zweifacher Ausführung zum Einsatz. Bei den monolingual deutschsprachigen Kindern und bei den bilingualen Kindern anderer erster Sprachen wird lediglich der Wortschatz in Deutsch untersucht. Bei den russisch-deutschsprachigen Kindern wird der Wortschatz in Deutsch (L2) und in Russisch (L1) getestet. Mitte der erste Klasse wird die Rechtschreibleistung dieser Kinder mit der Hamburger Schreibprobe untersucht. Ende der zweiten Klasse folgt der Lesetest Stolperwörter. Der erste Wortschatztest wurde 2012 durchgeführt, der letzte Lesetest fand 2017 statt.

Die Daten wurden in zwei Städten des Ruhrgebiets zunächst in insgesamt zwei Kindertagesstätten erhoben. 71 von insgesamt 123 Eltern stimmten einer Testung des Wortschatzes zu (t1). Nach der Einschulung wurden 25 der 38 russisch-deutschsprachigen Kinder ermittelt. Ihre Klassen wurden von weiteren 25 bilingualen Kindern der teilnehmenden Kindertagesstätten besucht, deren Erstsprache nicht russisch war oder deren (nicht-deutsche) Erstsprache unbekannt war. In der Stichprobe sind zusätzlich noch drei monolingual-deutschsprachige Kinder aus den teilnehmenden Kitas, die  Klassen mit bilingual russisch-deutschsprachigen Kindern dieser Studie besuchten. Der Stichprobenumfang reduzierte sich also nach der Einschulung (t2 und t3) auf insgesamt 53 Kinder.


Ergebnisse

Die Dortmunder Wortschatzstudie ermittelt vier wichtige Befunde:

Erstens zeigen sich erhebliche Wortschatzprobleme bei beträchtlichen Anteilen der untersuchten Kinder. Fast zwei Drittel der Kinder erreichte einen Prozentrang von zehn oder weniger in der deutschen Sprache. Im Durchschnitt wurden Werte erreicht, die von 97% der Eichstichprobe übertroffen werden. In russischer Sprache fielen die Befunde vergleichbar schlecht aus.

Zweitens zeigten sich in der ersten Klasse überraschend gute Rechtschreibkenntnisse. Auch der Lesetest in der zweiten Klasse kam auf durchschnittliche Werte – zumindest dann, wenn man die Normwerte für Kinder mit Migrationshintergrund zugrunde legt.

Drittens zeigte die Regressionsanalyse, dass Wortschatz, Vorlesehäufigkeit und Buchbesitz als Prädikatoren der Lese-/Schreibentwicklung gelten müssen (R2 = .302 *, R2 = .331 *, R2 = .229 *, R2 = .106 *, R2 = .176 *). Dies bestätigt Befunde der vor allem englischsprachigen Forschung, die eine besondere Bedeutung des Wortschatzes vor allem für bilinguale Kinder ermittelt, die in ihrer zweiten Sprache lesen lernen.

Viertens ermittelt die Dortmunder Wortschatzstudie crosslinguale Effekte durchaus beachtlichen Umfangs. Der Wortschatz in Russisch korreliert z. B. moderat und signifikant mit Rechtschreibleistungen (r=.45; p=.016). Allerdings muss man gleichzeitig festhalten, dass die Dortmunder Wortschatzstudie eine Untersuchung ist, in der Kinder trotz erheblicher Probleme in der ersten Sprache gute Leistungen in ihrer zweiten Sprache erzielen. Die crosslingualen Effekte sind also nicht in der Lage, Vermutungen zu bestätigen, dass eine angemessene muttersprachliche Förderung als zwingende Voraussetzung für eine gute L2-Lese-/Schreibentwicklung zu verstehen ist (Interdependenzhypothese oder Schwellenhypothese).



Bedeutung für die Praxis


Die Dortmunder Wortschatzstudie hilft dabei, das multikausale Geschehen in der Lese-/Schreibentwicklung besser zu verstehen. Wortschatz und Family-Literacy-Variablen wie Buchbesitz und Vorlesehäufigkeit gehören - neben anderen Variablen zu den Prädikatoren der Lese-/Rechtschreibförderung bei bilingualen Kindern.

Dies bedeutet einerseits, dass die diagnostische Arbeit bei bilingualen Kindern u.a. auch Variablen wie  Wortschatz, familiale Vorlesehäufigkeit und Buchbesitz erheben muss. Es spricht zudem viel dafür, in der pädagogisch/therapeutischen Arbeit Methoden einzusetzen, die den Wortschatz erweitern. Hier bietet sich vor allem das Vorlesen an.


Prof. Dr. Johannes Mandhomeimpressum  / lehrveranstaltungen / datenschutz-verordnung /