Dortmunder Wortschatzstudie – Kurzbeschreibung

Bochum, www.johannes-mand.de/wortschatz.html

Stand 3.10.2018

Die Dortmunder Wortschatzstudie untersucht die Lese-/Schreibentwicklung von bilingualen Kindern, die in ihrer zweiten Sprache (L2), also in deutscher Sprache lesen und schreiben lernen. Sie ist eine Längsschnittstudie. D.h.: Die untersuchten Kinder werden dreimal untersucht: in der Kita, Mitte der ersten Klasse und gegen Ende der zweiten Klasse.

In der Dortmunder Wortschatzstudie werden vier Erhebungsinstrumente verwendet. In der Kita sind dies ein Wortschatztest und ein Erzieherinnenfragebogen. Der Wortschatztest (Aktiver Wortschatztest für Kinder/AWST-R) kommt in zweifacher Ausführung zum Einsatz. Bei den monolingual deutschsprachigen Kindern und bei den bilingualen Kindern anderer erster Sprachen wird lediglich der Wortschatz in Deutsch untersucht. Bei den russisch-deutschsprachigen Kindern wird der Wortschatz in Deutsch (L2) und in Russisch (L1) getestet. Mitte der erste Klasse wird die Rechtschreibleistung dieser Kinder mit der Hamburger Schreibprobe untersucht. Ende der zweiten Klasse folgt der Lesetest Stolperwörter. Der erste Wortschatztest wurde 2012 durchgeführt, der letzte Lesetest fand 2017 statt.

Die Daten wurden in zwei Städten des Ruhrgebiets zunächst in insgesamt zwei Kindertagesstätten erhoben. Es handelte sich dabei um Kindertagesstätten mit sehr hohen Anteilen bilingualer deutsch-russischsprachiger Sprecher. Eine Einrichtung hatte einen städtischen Träger, eine Einrichtung einen kirchlichen Träger. In den jeweiligen Einrichtungen wurde zunächst bei allen Kindern, also auch bei den monolingualen Sprechern oder bei Kindern anderer nicht deutscher erster Sprache der deutsche Wortschatz erhoben. Dabei stimmten 71 von insgesamt 123 Eltern einer Testung des Wortschatzes zu (t1). Der Rücklauf beträgt damit zu Beginn der Studie 58%. Obwohl Eltern und Erzieherinnen vor der Einschulung u. a. auch danach befragt wurden, welche Grundschule für die Kinder vorgesehen war, erwies sich nach der Einschulung die Suche nach den Kindern der Studie als sehr aufwendig. Die Studie konzentrierte sich deshalb auf die Schulen und Klassen, die von mindestens einem der 38 russisch-deutschsprachigen Kinder der Stichprobe besucht wurden. Bei 25 dieser 38 russisch-deutschsprachigen Kinder konnte die Schule identifiziert werden. Die jeweiligen Klassen wurden von weiteren 25 bilingualen Kindern der teilnehmenden Kindertagesstätten besucht, deren Erstsprache nicht russisch war oder deren (nicht-deutsche) Erstsprache unbekannt war. Lediglich drei monolingual-deutschsprachige Kinder aus den teilnehmenden Kitas besuchten diese Klassen. Bei einem weiteren Kind zogen die Eltern nach der Einschulung die Erlaubnis einer Testung zurück. Der Stichprobenumfang reduzierte sich also nach der Einschulung (t2 und t3) auf insgesamt 53 Kinder.

Die Dortmunder Wortschatzstudie ermittelt vier wichtige Befunde:

Erstens zeigen sich erhebliche Wortschatzprobleme bei beträchtlichen Anteilen der untersuchten Kinder. Fast zwei Drittel der Kinder erreichte einen Prozentrang von zehn oder weniger in der deutschen Sprache. Im Durchschnitt wurden Werte erreicht, die von 97% der Eichstichprobe übertroffen werden. In russischer Sprache fielen die Befunde vergleichbar schlecht aus.

Zweitens zeigten sich in der ersten Klasse überraschend gute Rechtschreibkenntnisse. Auch der Lesetest in der zweiten Klasse kam auf durchschnittliche Werte – zumindest dann, wenn man die Normwerte für Kinder mit Migrationshintergrund zugrunde legt.

Drittens zeigte die Regressionsanalyse, dass Wortschatz, Vorlesehäufigkeit und Buchbesitz als Prädikatoren der Lese-/Schreibentwicklung gelten müssen (R2 = .302 *, R2 = .331 *, R2 = .229 *, R2 = .106 *, R2 = .176 *). Dies bestätigt Befunde der vor allem englischsprachigen Forschung, die eine besondere Bedeutung des Wortschatzes vor allem für bilinguale Kinder ermittelt, die in ihrer zweiten Sprache lesen lernen.

Dies hat Implikationen für die diagnostische Arbeit. Denn man weiß nun besser, auf welche Merkmale sich eine Sprachstandsdiagnostik konzentrieren soll. Dies sind nach derzeitigem Stand der Forschung vor allem die Entwicklung der phonologischen Bewusstheit und der Wortschatz. Die Bedeutung von Wortschatz und Vorlesehäufigkeit könnten darauf hinweisen, welche Schwerpunkte man in der frühen sprachlichen Förderung setzen sollte. Wortschatztraining und Vorlesearbeit sollten also in den Angeboten der Sprachförderung eine wichtige Rolle spielen.

Viertens ermittelt die Dortmunder Wortschatzstudie crosslinguale Effekte durchaus beachtlichen Umfangs. Der Wortschatz in Russisch korreliert z. B. moderat und signifikant mit Rechtschreibleistungen (r=.45; p=.016). Allerdings muss man gleichzeitig festhalten, dass die Dortmunder Wortschatzstudie eine Untersuchung ist, in der Kinder trotz erheblicher Probleme in der ersten Sprache gute Leistungen in ihrer zweiten Sprache erzielen. Die crosslingualen Effekte sind also nicht in der Lage, Vermutungen zu bestätigen, dass eine angemessene muttersprachliche Förderung als zwingende Voraussetzung für eine gute L2-Lese-/Schreibentwicklung zu verstehen ist (Interdependenzhypothese oder Schwellenhypothese).


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