Prof. Dr. Johannes Mand home / impressum / lehrveranstaltungen
Norm und Abweichung
Migranten in der Förderschule ( Johanna Kieser-Abass, Kathrin Malzahn, Farzana Mecklenbrauck)

Frage

Werden Kinder mit Migrationsgeschichte häufiger in Förderschulen überwiesen als Kinder ohne Migrationsgeschichte?


Verwendete Datenbank /Suchbegriffe


Die Literaturauswahl basiert auf einer Datenbankrecherche in FIS Bildung vom 6.4.2017. Suchbegriffe waren Migration und Förderschule. Die Suche ermittelte 109 Treffer. Auswahlkriterien: Aktualität (2007-2017), inhaltliche Relevanz, Seriosität, fachspezifisch



Ergebnisse


Powel und Wagner (2014, 190 f) schlagen vor, anhand des Relativen- Risiko-Index (RRI) lässt sich die Wahrscheinlichkeit von Über- und Unterrepräsentation von Deutschen und Nichtdeutschen in Förderschulen berechnen. Ein RRI-Wert >1 bedeutet, dass eine Überrepräsentation besteht und Wert <1 steht für eine Unterrepräsentation.


Tabelle 1 Relativer-Risiko-Index (RRI) des Förderschulbesuchs, 2010



2002

2010

Nichtdeutsche

7,16

6,83

Deutsche

4,12

4,08

(vgl. Powell/Wagner 2014, 190f.)

Die Tabelle verdeutlicht, dass nichtdeutsche Schüler in Förderschulen überdurchschnittlich häufig vertreten sind, trotz eines leichten Rückgangs des Anteils von 2002 bis 2010.

Zudem lassen sich große regionale Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern feststellen. Beispielsweise beträgt der RRI in Brandenburg nur 0,32, wohin gegen der RRI-Wert in Baden-Württemberg bei 2,08 liegt (Powell/Wagner 2014, 190f.).

Unter den Migranten variiert der Förderschulanteil stark je nach Herkunftsland. Zum Bespiel sind SchülerInnen aus Serbien mit einem Prozentsatz von 13,2 stark überrepräsentiert (Förderschulen in NRW, 2012), während der Anteil der SchülerInnen mit griechischer Herkunft gerade bei 0,5% liegt (vgl. Mand 2016).


Erklärungsmodelle

Institutionelle Diskriminierung (Gomolla 2013, 88ff.) unter anderem durch exkludierende Diagnostik iskriminierende [Förder-]Schulzuweisung durch Testverfahren, die für SchülerInnen mit Migrationshintergrund aufgrund von Sprachbarrieren und anderen Faktoren ungeeignet sind, vgl. Mand 2016.


Korrelation von Migrationsgruppe und sozialer Schicht (vgl. Mand 2016): insbesondere ausländische Schülerinnen aus niedrigeren sozialen Schichten besuchen eine Förderschulen


Individualistische Deutung von Entwicklungsdefiziten bei Migranten: Entwicklungsdefizite, die auf Sprachbarrieren basieren, werden beispielsweise auf unterdurchschnittliche Intelligenz zurückgeführt.


Ansätze zur Minderung der Diskriminierung von Migranten im Bildungssystem

Inklusive Diagnostik und inklusive Beschulung: Ziel ist es, inklusive Diagnostik und inklusive Beschulung zu erreichen. Aufgrund mangelhafter Normen führt die Anwendung der aktuellen Testverfahren und die darauf basierende Diagnostik und Schulzuweisung zu Diskriminierung (vgl. Mand 2016).

Institutioneller statt individueller Förderbedarf: Testverfahren könnten anonymisiert werden, um damit den Förderbedarf der SchülerInnen einer Schule zu ermitteln, ohne exkludierende Entscheidungen zu treffen (vgl. Mand 2016).

Verzicht auf Etikettierung durch inklusive Didaktik (vgl. Kornmann 2013, 81f.)

Entwicklungsorientierte Förderdiagnostik (vgl. Mand 2016): interkulturelle Faktoren kennen und berücksichtigen (z.B. Lese-Rechtschreibentwicklung bei Bilingualität)


Lehrerausbildung auf interkulturelle Didaktik ausrichten, Auseinandersetzung der Lehrenden mit ihrer Haltung zu Diversity (vgl. Merz-Atalik 2014, 172f.)


Resümee

Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte sind in deutschen Förderschulen überrepräsentiert. Dies lässt sich in Teilen durch soziale Merkmale von Migrantenfamilien erklären. Andererseits gibt es auch klare Hinweise auf Diskrimierung.


Literatur

GOMOLLA, Mechtild (2013): Fördern und Fordern allein genügt nicht! Mechanismen institutioneller Diskriminierung von Migrantenkindern im deutschen Schulsystem. In: AUERNHEIMER, Georg (Hrsg.) (2013): Schieflagen im Bildungssystem. Die Benachteiligung von Migrantenkindern. 5. Auflage. Wiesbaden: Springer VS. (S. 87-102)

KORNMANN, Reimer (2013): Die Überrepräsentation ausländischer Kinder und Jugendlicher in Sonderschulen mit dem Schwertpunkt Lernen. In: AUERNHEIMER, Georg (Hrsg.) (2013): Schieflagen im Bildungssystem. Die Benachteiligung von Migrantenkindern. 5. Auflage. Wiesbaden: Springer VS. (S. 71-85)

MAND, J. (2016): Inklusive Diagnostik für Kinder mit Migrationsgeschichte.
In: AMRHEIN, Bettina (Hrsg.): Diagnostik im Kontext inklusiver Bildung. Theorien, Ambivalenzen, Akteure, Konzepte. Bad Heilbronn. Klinkhardt. S. (191-202).

MERZ-ATALIK, Kerstin (2014): Inklusiver Unterricht und migrationsbedingte Vielfalt. In: WANSING, G.; WESTPHAL, M. (2014): Behinderung und Migration. Inklusion, Diversität, Intersektionalität. Wiesbaden: Springer VS. S. (159-176)

POWELL, Justin J.W., WAGNER, Sandra J. (2014): An der Schnittstelle Ethnie und Behinderung benachteiligt. Jugendliche mit Migrationshintergrund an deutschen Sonderschulen weiterhin überrepräsentiert. In: WANSING, G.; WESTPHAL, M. (2014): Behinderung und Migration. Inklusion, Diversität, Intersektionalität. Wiesbaden: Springer VS. S. (177-199)