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Norm und Abweichung
Frauen mit Migrationshintergrund im deutschen Gesundheitssystem

(Anna Metzen, Isaura Pérez Tejeda, Anna Reznik & Magdalena Stiegemeyer)


Frage

Sind Frauen mit Migrationshintergrund mit besonderen Zugangsbarrieren im deutschen Gesundheitssystem konfrontiert?


Verwendete Datenbank /Suchbegriffe

Für die Recherche wurden vier Fachdatenbanken sowie die Internetseiten von vier Insitituten genutzt. Die Suchbegriffe "Migration", "Frauen"/"women", "Deutschland"/"Germany", sowie "Gesundheit"/"health" führten hinsichtlich der Auschluss- bzw. Einschlusskriterien zu insgesamt fünf Treffern.



Ergebnisse


Aus der Recherche zum aktuellen Forschungsstand geht hervor, dass ein Mangel an repräsentativen Daten hinsichtlich des Zugangs zum Gesundheitssystem von Migrantinnen in Deutschland besteht.

Etwas mehr als die Hälfte der Migrant/innen in Deutschland ist weiblich (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2016, S. 22)


Migranten in Deutschland sind zudem deutlich jünger als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2016, S. 22).


Der Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e. V. (AKF) hat ein Interview mit der Professorin Theda Borde geführt, welche den Gesundheitszustand und die Gesundheitsversorgung von Migrantinnen und geflüchteten Frauen thematisiert.

Nach Aussage von Borde weisen vorliegende Studien daraufhin, dass Migrantinnen einen insgesamt schlechteren Gesundheitsstatus als die einheimischen Frauen haben. Außerdem weisen die vorliegenden Studien auf einer Fehl-, Über- und Unterinanspruchnahme der Gesundheitsversorgung sowie eine geringere Qualität der Versorgung hin.

Die Angebote der Prävention und Gesundheitsförderungen werden nach Aussage von Borde von Migrantinnen seltener in Anspruch genommen und profitieren weniger bei Teilnahme. Sprachliche Probleme, niedriger Bildungsstand, Mangel an kulturellen Kenntnissen sowie die Unzufriedenheit mit der Arzt-Patient-Beziehung sind für die Migrantinnen eine Barriere zum Gesundheitssystem (AKF 2017).

Die Studie „Informed Choice in the German Mammography Screening Program by Education an Migrant Status: Survey among First-Time Invitees“ beschäftigt sich mit der Frage, ob Frauen mit Migrationshintergrund (Frauen mit türkischem Migrationshintergrund sowie Spätaussiedlerinnen aus Russland) in Deutschland bezüglich der Inanspruchnahme von Mammographie-Untersuchung eine informierte Entscheidung treffen können. Dabei wird ein Vergleich zu Frauen ohne Migrationshintergrund gezogen (Berens et al. 2015, S. 1).

Es zeigte sich, dass sich die Spätaussiedlerinnen aus Russland seltener für eine Mammographie-Untersuchung entscheiden als Frauen ohne Migrationshintergrund. Noch geringerer war der Anteil der Frauen mit türkischem Migrationshintergrund. Hier nennen die Autoren fehlende Deutschkenntnisse als eine mögliche Barriere. Es wird verdeutlicht, dass eine ungenügende Aufklärung für Frauen mit Migrationshintergrund existiert. Sie bedürfen besonderer Aufmerksamkeit, um möglichen Krankheitsrisiken vorzubeugen (Berens et al. 2015, S. 8ff.).

In der Frauenklinik der Charité wurde eine Vergleichsstudie zur Versorgungssituation gynäkologisch erkrankter Frauen (türkisch/deutsch) im Krankenhaus durchgeführt. In dieser Studie wurden die Erwartungen und die Zufriedenheit sowie die Qualität von Kommunikationsprozessen und Informationsprozessen deutscher und türkischer Patientinnen im stationären Bereich untersucht (Borde 2009, S. 24). Die Studie erfolgte mit Hilfe von deutschsprachigen/ türkischsprachigen Fragebögen. Daher lag die Rücklaufquote bei 95 %. Deutlich wurde, dass der Zugang zu sogenannten „schwer erreichbaren Gruppen“ durch einen gewissen Aufwand doch möglich war (Borde 2009, S. 24). Durch die Studie wurde deutlich, dass die Migrantinnen ein deutlich geringeres Wissen über das Themenfeld „Gesundheit“ besaßen als deutsche Patientinnen. Selbst vor und nach der Aufklärung im Krankenhaus zeigte sich, dass sie über ihre Erkrankung (Diagnose) und die möglichen Therapiemaßnahmen keine adäquaten Äußerungen machen konnten (Borde2009, S. 25). Je geringer die deutschen Sprachkenntnisse der Patientinnen waren, desto schlechter waren die Übereinstimmungen bezogen auf den eigenen Wissensstand der Diagnose und den tatsächlichen Fakten aus der Krankenakte (Borde 2009, S. 25).


Literatur

ARBEISKREIS FRAUENGESUNDHEIT IN MEDIZIN, PSYCHOTHERAPIE UND GESELLSCHAFT E.V. (AKF) (2017): Das AKF-Interview (Nr. 8): Gesundheit und Gesundheitsversorgung von Migrantinnen und geflüchteten Frauen. [http://www.akf-info.de/portal/2017/03/23/gesundheit-und-gesundheitsversorgung- von-migrantinnen-und-gefluechteten-frauen/]-aufgerufen: 10.04.2017


BEAUFTRAGTE DER BUNDESREGIERUNG FÜR MIGRATION, FLÜCHTLINGE UND INTEGRATION (2016) (Hrsg.): Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration – Teilhabe, Chancengleichheit und Rechtsentwicklung in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland.
[https://www.bundesregierung.de/Content/Infomaterial/BPA/IB/11-Lagebericht_09-
12-2016.pdf?__blob=publicationFile&v=4]- aufgerufen: 06.04.2017

BERENS, E.-M./ REDER, M./ RAZUM, O./ KOLIP, P. & SPALLEK, J. (2015): Informed Choice in the German Mammography Screening Program by Education and Migrant Status: Survey among First-Time Invitees. In: PLOS ONE, 10 (11)

BORDE, Theda (2009): Migration und Gesundheitsförderung- Hard to Reach? Neue Zugangswege für „schwer erreichbare“ Gruppen erschließen. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.) (2009): Migration und Gesundheitsförderung. Ergebnisse einer Tagung mit Expertinnen und Experten. Köln. [http://www.bzga.de/pdf.php?id=6c33db1270f22901cf65a0adc1f5f827]- aufgerufen: 09.04.2017.

KNIPPER, Michael / BILGIN, Yasgar (2009): Migration und Gesundheit. Sankt Augustin/Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. [http://www.kas.de/wf/doc/kas_16451-544-1-30.pdf]-aufgerufen: 11.04.2017.

NEUNER, Ralf (2016): Psychische Gesundheit bei der Arbeit. Betriebliches Gesundheitsmanagement und Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. 2., überarbeitete Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler Verlag.