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Norm und Abweichung

Alternative Methoden in der Therapie von ADHS (Melanie Bragulla, Greta Fentner, Kristin Hennig)

Fragen:

(1) Ist die  medikamentöse Behandlung von ADHS wirksam?
(2) Gibt es alternative Methoden, deren Effekte angemessen untersucht und belegt sind?
(3) Welche Effekte haben kombinierte Methoden?

Verwendete Datenbanken/Suchbegriffe

Die Beschreibung des Forschungsstands basiert auf einer Datenbankrecherche im Psyndex. Suchbegriffe waren: ADHS- Therapie – Effekte (nur psyndex). Die Suche ermittelt insgesamt 73 Treffer. Diese wurden nach Relevanz, Publikatonsdatum (> 2002), Art der Studie und Verfügbarkeit überprüft.

Ergebnisse:

Eine besondere Rolle billigen die Studierenden der  Multimodal-Treatment-Study of Children with ADHD (MTA-Study) zu (Döpfner/Lehmkuhl 2002).

Die Publikationen beziehen sich auf einen Behandlungs- und Beobachtungszeitraum von 14 Monaten. Untersucht wurden 579 Kinder im Alter von sieben bis neun Jahren aus sechs amerikanischen Zentren. Der Anteil von Mädchen beträgt 20%.

Alle Kinder mit der Diagnose ADHS vom Mischtyp nach DSM-IV und einen IQ über 80 wurden per Zufall einer von vier Versuchsgruppen zugewiesen

Versuchsgruppe 1: Medikamentöse Behandlung einschließlich Beratung (1x monatlich ½ Stunde Kontakt mit dem Arzt, Beratung und praktische Ratschläge, Selbsthilfemanuale)

Versuchsgruppe 2: Verhaltenstherapie  (eltern-, schul- und kindzentrierte Interventionen)

Versuchsgrupppe 3: Kombinierte Therapie aus 1 und 2.

Versuchsgruppe  4: Standardtherapie (Community Care) sowie Behandlung vor Ort empfohlen und medikamentöse Therapie, der Umfang der in Anspruch genommenen Psychotherapie ist bislang noch nicht publiziert


Erhoben wurden hyperkinetische Symptome in der Schule und in der Familie (Eltern-, Lehrerurteil, Verhaltensbeobachtung), aggressives Verhalten in der Schue und in der Familie (Eltern-, Lehrerurteil, Verhaltensbeobachtung), internalisierende Störungen (Eltern-, Lehrer-, Selbsturteil),  soziale Kompetenzen (Eltern-, Lehrerurteil) und die Eltern-Kind-Beziehungen (Elternurteil).

Tabelle 1: Ergebnisse der Multimodal-Treatment-Study of Children with ADHD

Parameter

Medikamentöse Behandlung plus Beratung

Kombinierte Therapieverfahren (Medikamentöse Therapie und Verhaltenstherapie)

Hyperkinetische Symptomatik

Medikation mit Beratung ist auf 3 von 5 Parametern wirksamer als die Verhaltenstherapie

Medikamente plus Beratung erwiesen sich auf allen Parametern als ebenso wirksam wie eine kombinierte Therapie
Die kombinierte Therapie ist in 3 von 5 Parametern wirksamer als die Verhaltenstherapie.

Aggressives Verhalten

Medikation plus Beratung ist ebenso wirksam wie Verhaltenstherapie.



Die kombinierte Behandlung ist nicht wirksamer als Einzeltherapien.

Kombinationsbehandlung ist jedoch effektiver als die Standardbehandlung.

Im Elternurteil ist die kombinierte Therapie der Verhaltenstherapie und der Standardtherapie überlegen.


Soziale Kompetenzen

Die medikamentöse Therapie ist im Elternurteil der Standardtherapie überlegen.


Soziale Kompetenzen werden durch kombinierte Therapie stärker verändert als durch Standardtherapie.


Erziehungskompetenzen


Kombinationsbehandlung ist der Standardtherapie überlegen.


Allgemeine Zusammenfassung

Für die medikamentöse Therapie plus Beratung und die kombinierte Behandlung liegen die Effektstärken zwischen 1,5 und 1,8.


Die Ergebnisse sind hinsichtlich der Effekte der kombinierten Therapie eher enttäuschend (Erwartung: deutlich höhere Effektivität der Kombinationstherapie gegenüber der medikamentösen Therapie plus Beratung)

Allerdings zeigt sich, dass die Kombinations- behandlung auf den meisten Parametern die wirkungsvollste Intervention ist, wenngleich sich dieser Effekt meist nicht als statistisch signifikant absichern lässt



Ergebnisse weiterer Studien:

Laezer et al (2014):
Kombinierte Therapieverfahren aus verhaltenstherapeutisch/medikamentöser Behandlung zeigen ähnliche Erfolge wie die Wirksamkeit psychoanalytischer Langzeittherapien ohne Medikation. Untersuchung auf Prozessebene im Rahmen einer Dissertation, 32 Kinder zwischen 8 und 11 Jahren, keine Größenangabe zur Kontrollgruppe

Trebbes 2012

Trebbes kann keine signifikanten Effekte einer hundegstützten Intervention bei ???? Kindern mit ADHS ermitteln. Stichprobe: 32 Kinder zwischen 8 und 11 Jahren, keine Größenangabe zur Kontrollgruppe

Grevensleben et al (2010)

Neurofeedback-Training entwickelt in dieser Längsschnitt-Studie mittlere Effekten in bei  Kindern mit ADHS. Die Autoren vermuten deshalb, dass man Neurofeedbacktraining als klinisch wirksamen Therapiebaustein zur Behandlung
von Kindern mit ADHS einstufen muss. Es handelt sich um eine multizentrierte, randomisierte, kontrollierte Studie, 59 Kinder mit ADHS zwischen 8 und 12 Jahren


Schmitman gen. Pothmann et al
 
Die Effekte des TEAM Programms wurden bei 40 Kinder zwischen 7 und 13 Jahren wurden in einen Zweigruppen- Prätest- Posttest- Design untersucht und ermittelt signifikante Unterschiede zwischen Versuchs- und Kontrollgruppe.


Resümee:

ad 1: Die medikamentöse Behandlung von ADHS ist eine effektive Behandlungsmethode

ad 2: Es gibt kaum Hinweise darauf, dass alternative Behandllungsmethoden effektiv sind.

ad  3: Eine Kombination von medikamentöser Therapie und Verhaltenstherapie ist vermutlich sinnvoll.


Literatur

Bachmann, Eva-Mareile (2008): Evidenzbasierte Therapie psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter: Studien zu den vier häufigsten Störungsgruppen ADHS, Depression, Angst und Störung des Sozialverhaltens. Publikationsbasierte Dissertation, Fachbereich Psychologie. Marburg: Philipps-Universität.

Döpfner, Manfred; Lehmkuhl, Gerd: Evidenzbasierte Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 51, 2002, 6, S. 419-440.

Gevensleben, Holger; Moll, Gunther H.; Heinrich, Hartmut: Neurofeedback-Training bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Effekte auf verhaltens- und neurophysiologischer Ebene. In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 2010, 38 (6), S. 409-420.

Schmitman gen. Pothmann, Marion; Petermann, Ulrike; Petermann, Franz; Zakis, Daniela: Training sozialer Fertigkeiten für Kinder mit ADHS. Ergebnisse einer Pilotstudie. In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 2011, 39 (4), S. 277-285.

Paulus, Frank; Hammer, Richard: Pharmakotherapie mit Ritalin oder Medikinet bei sogenanntem AD(H)S. In: Motorik, 2002, 25 (2), S.78-81, 14. Literaturang.

Trebes, Claudia (2012): Die therapeutische Beziehung in einem tiergestützten Training für Kinder prä-klinischen Aufmerksamkeitsdefiziten. Dissertation, Fachbereich Humanwissenschaften. Bamberg: Universität, 152 S.

Laezer, Katrin Luise; Tischer, Inka; Gaertner, Birgit; Leuzinger-Bohleber, Marianne: Psychoanalytische und verhaltenstherapeutisch/medikamentöse Behandlungen von Kindern mit Desintegrationsstörungen. Ergebnisse der Frankfurter ADHS-Wirksamkeitsstudie. In: Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie, 2014, 45 (4), S. 451-493.