Euthanasie

1. Euthanasie und Zwangssterilisation während des Nationalsozialismus

1933 entsteht auf der Grundlage eines Entwurfs aus der Weimarer Republik das “Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses”. Es tritt 1934 in Kraft. Dieses Gesetz erlaubt die Zwangssterilisation bei “angeborenem Schwachsinn”, Epilepsie, erblicher Blindheit, Schizophrenie, manisch - depressivem Irresein, Alkoholismus und schwere erbliche körperliche Missbildung“. Daraufhin beginnen die Massensterilisationen. Werden zunächst noch geistig und körperlich behinderte Menschen zwangssterilisiert , so wird die Anwendbarkeit des Gesetzes bald auf weitere Personengruppen, wie z. B. “Juden, Zigeuner und Asoziale“, ausgeweitet (Dederich, M.: Behinderung - Medizin - Ethik. Bad Heilbrunn 2000, 97). Der Mord an behinderten Neugeborenen besitzt die höchste Priorität, um einer neuen Generation von Behinderten vorzubeugen (Dederich, M. 2000, 97).

Ab 1939 müssen die Eltern ihre behindert geborenen Kinder registrieren lassen. Es besteht eine Meldepflicht für “missgestaltete” und “idiotische” Kinder.

Behinderte Menschen werden nicht nur zwangssterilisiert, sie werden ermordet. Es wird eine Zentrale für die Vernichtungsaktion gegründet. Sie wird T4 genannt, nach der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Von dort wird der Massenmord an Behinderten unter höchster Geheimhaltung organisiert. Sie wird im August 1941 eingestellt, als sich vereinzelt Widerstand in der Bevölkerung formiert. Das Töten geht jedoch als sogenannte wilde Euthanasie weiter.Im Rahmen der T4 Aktion werden sechs Tötungsanstalten eingerichtet: Grafeneck/Württemberg, Brandenburg an der Havel, Hartheim/Linz, Sonnenstein/Pirna, Bernburg an der Saale, Hadamar / Limburg. Die Opfer werden in Gaskammern mit Kohlenmonoxid getötet. Z. T. geht in diesen Anstalten nach der Beendigung der Aktion T4 das Morden weiter – mit Medikamenten und durch Mangelernährung . In einer bis heute unbekannten Zahl von Anstalten sterben nach offizieller Einstellung der T4 – Aktion zusätzlich noch einmal mehrere 10 000 Opfer ; in Hadamar im Zeitraum vom 13.8.1942 bis zum 24.3.1945 4817 Menschen (Landeswohlfahrtverband Hessen: Verlegt nach Hadamar. Kassel 3 2003, 75 f., 120, 122).


Tötungsanstalten der Aktion T4 und Zahl der vergasten Opfer

Brandenburg an der Havel

1/1940 – 9/1940

9722 Opfer

Bernburg an der Saale

11/1940 – 8/1941

9375 Opfer

Sonnenstein/Pirna

8/1940-8/1941

13720 Opfer

Hadamar/Limburg

1/1941-8/1941

10072 Opfer

Grafeneck/Württemberg

1/1940-12/1940

9839 Opfer

Hartheim/Linz

1/1940-Ende 1940

18269 Opfer

(Landeswohlfahrtverband Hessen 2003, 75 f.)

Zielgruppe der Massenmorde sind auch Patienten in psychiatrischen Anstalten. Sie dienen u. a. als lebende Versuchspersonen, z.B. für die Entwicklung von Impfstoffen oder für anatomische Forschungen. Die Patienten werden u.a. mit Tuberkulose- oder Malariaerregern infiziert. Am lebenden Menschen wird die Schädeldecke aufgesägt und das Gehirn untersucht. Außerdem werden Gehirne der Toten zu Versuchszwecken entnommen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt dies Auch nach dem Einzug der Alliierten werden weiterhin bis ca. Ende 1945 Menschen in Anstalten ermordet.

Eine präszise Erfassung der Zahlen der ermordeten und zwangssterilisierten Menschen in der Zeit von 1933 bis 1945 ist nicht möglich, da die meisten Anstalten ihre Unterlagen vernichten.

Manche Täter werden für ihre Dienste in der Nachkriegszeit ausgezeichnet (Klee, E.: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft. 6/1999, S. 27).

 

2. Die Singerdebatte


Was hat Peter Singer mit dem Thema Euthanasie und Zwangssterilisation zu tun? Peter Singer ist ein australischer Philosoph, der der Schule des Präferenzutilitarismus zugerechnet wird. Er unterscheidet in seiner „Praktischen Ethik“ zwischen dem Menschen als Mitglied der Spezies Homo sapiens und Menschen als Personen (Singer, P.: Praktische Ethik. Stuttgart 1994 121 f. [zuerst englisch 1979]). Jeder Mensch ist Mitglied der Spezies Homo sapiens. Eine Person beschreibt Singer dagegen als rationales, selbstbewusstes Wesen. Rationale Wesen sind sich ihrer „selbst als distinkte Entität bewusst, mit einer Vergangenheit und Zukunft. ... Ein Wesen, das in dieser Weise seiner selbst bewusst ist, ist fähig, Wünsche hinsichtlich seiner eigenen Zukunft zu haben“ (123).

Nicht alle Menschen haben also nach Singer ein Lebensrecht. Er verneint z. B. das Lebensrecht für Neugeborene oder auch für Menschen mit schweren Behinderungen. So formuliert Singer: „Tötet man eine Schnecke oder einen 24 Stunden alten Säugling, so vereitelt man keine Wünsche ( ... ), weil Schnecken und Neugeborene unfähig sind, solche Wünsche zu haben“ (123). „Dass es Unrecht ist, einem Wesen Schmerz zuzufügen, kann nicht von seiner Gattungszugehörigkeit abhängen; ebenso wenig, dass es Unrecht ist, es zu töten. … (121)

Anders als die klassischen Befürworter der Euthanasie des 19. und 20. Jahrhunderts geht es Singer weniger darum, nachzuweisen, dass Menschen mit Behinderungen kein Recht auf Leben haben. Vielmehr kommt es ihm darauf an, das Lebensrecht von Tieren zu betonen: „ Dem Leben eines Wesens bloß deshalb den Vorzug zu geben, weil das Lebewesen unserer Spezies angehört, würde uns in die selbe Position bringen wie die Rassisten, die denen den Vorzug geben, die zu ihrer Rasse gehören (121).“ Tiere können nach Singer unter bestimmten Bedingungen Personen sein, und Personen erkennt er ein Lebensrecht zu. „Einige nicht menschliche Tiere sind also nach unserer Definition Personen“ (155). Dies gilt z.B. für Schimpansen und Orang-Utans. „Menschenaffen verwenden auch Zeichen, um sich auf vergangene oder zukünftige Ereignisse zu beziehen; dadurch zeigt sich, dass sie ein Zeitgefühl besitzen (149).“ ... „So scheint es, dass etwa die Tötung eines Schimpansen schlimmer ist als die Tötung eines menschlichen Wesens, welches aufgrund einer angeborenen geistigen Behinderung keine Person ist und nie sein kann (156).“ Singer verbindet also tierrechtliche Positionen mit behindertenfeindlichen Ansichten.

Die Rezeption von Singers Thesen führt zu zum Teil heftigen Reaktionen. Er wird Ende der 80er/ Anfang der 90er Jahre mehrfach nach Deutschland eingeladen. Nach massiven Protesten u. a. von Aktivisten der Krüppelbewegung, der Lebenshilfe, Studierenden, Lehrenden und der Presse verzichtet man auf seine Vorträge. Einladungen werden u. a. ausgesprochen von Dr. Hartmut Kliemt (Professor für Philosophie an der Universität Duisburg), Georg Meggle (Professor für Philosophie Universität Saarbrücken) von Christoph Anstötz (Professor für Sonderpädagogik an der Universität Dortmund), Dieter Birnbacher (damals Philosophische Fakultät Gesamthochschule Essen). Diese Proteste wertet Singer in seinem Nachwort zu seiner Reclamauflage der Praktischen Ethik als Angriff auf die akademische Freiheit und beklagt mangelnde Solidarität der deutschen Professoren (443).Die Thesen von Singer tauchen seitdem immer wieder in der wissenschaftlichen Diskussion auf und werden auch in weniger seriösen und auch in seriösen Zeitschriften diskutiert, z. T. mit der Tendenz, die Gedanken von Singer aufzuwerten. Das Lebensrecht von Menschen mit Behinderungen wird so immer wieder in Frage gestellt.

 

 

 

Diese Unterseite ist das Ergebnis eines Projekts an der Evangelischen FH Rheinland Westfalen Lippe (WS 2003/2004). An diesem Projekt haben mitgewirkt: Carina Gottwald, Karolin Paschen, Jana Rafflenbeul-Schaub, Philipp Ruhland, Alice Siebenmorgen

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